Mammutmarsch Frankfurt a.M. – 10./11. Oktober 2026

100 Kilometer zwischen Euphorie, Erschöpfung und purem Wahnsinn

Plötzlich war er da, der 10.10.2026 – der Start zum Mammutmarsch 2026 in Frankfurt am Main!

Mit 15 Bediensteten aus verschiedenen Justizvollzugsanstalten gingen wir am Brentanobad in Rödelheim an den Start. Manche waren besser trainiert, andere, wie im Schichtdienst meist üblich, eher schlechter in Form. Doch alle hatten ein gemeinsames Ziel: die Ziellinie nach 100 Kilometern erreichen – egal wie!

Bedingt durch die unterschiedlichen Startzeiten konnten wir nicht alle gemeinsam auf die Strecke gehen. Das war allerdings nicht weiter schlimm, denn unsere Gruppe aus sechs Bediensteten sollte ohnehin nicht allzu lange zusammenbleiben. Schnell fand jeder sein Tempo und lief die Kilometer in seinem persönlichen Wohlfühltempo.

Für Jürgen, Alessandro und mich war von Anfang an klar, dass wir so lange wie möglich zusammenbleiben würden. Jürgen war Realist. Er wusste bereits im Vorfeld, dass er uns irgendwann ziehen lassen würde, um dann an einer der nächsten Versorgungsstationen auszusteigen. Nur an welcher, das blieb zunächst offen.

Wie es meistens so ist, zieht man dann doch nicht so schnell davon wie gedacht. Und so trafen wir uns bereits an der ersten Verpflegungsstation alle wieder. Ein kurzer Smalltalk, gegenseitiges Mutmachen zwischen sauren Gurken, belegten Broten und erfrischenden Getränken – und schon ging es weiter.

Jeder lief seinen Trott. Mit anstaltsübergreifenden Fachgesprächen, Flachsereien und dem üblichen privaten Austausch zogen die Kilometer an uns vorbei. Es war ja noch hell, die Temperaturen waren angenehm, und mit dem Wetter hatten wir an diesem Tag generell Glück. Der Himmel war größtenteils blau, und Regen sollte es an diesem Wochenende auch nicht geben.

Besser hätten die Voraussetzungen kaum sein können.

Noch ahnten wir nicht, was uns auf den folgenden Kilometern erwarten würde.

Kilometer 35 – Jürgen zieht die Reißleine

Nach etwa 35 Kilometern forderte uns Jürgen auf, unsere Geschwindigkeit zu erhöhen und uns „vom Acker“ zu machen. Er wusste, dass für ihn spätestens nach 40 Kilometern Schluss sein würde.

Alessandro und ich zogen an und liefen mit einem guten Schnitt von etwa sechs Kilometern pro Stunde weiter. Die interessanten Gespräche blieben uns erhalten, sodass auch die weitere Strecke bis zum Versorgungspunkt bei Kilometer 40 gefühlt schnell hinter uns lag.

Auch hier trafen wir uns noch einmal alle, spornten uns gegenseitig an und feixten miteinander.

Der Tag lief bisher gut. Alessandro, der erst vor Kurzem mit einem Bandscheibenvorfall zu kämpfen gehabt hatte, und ich, der ebenfalls mit schlechten Trainingsvoraussetzungen an den Start gegangen war, machten uns gegenseitig Mut. Gleichzeitig waren wir uns einig, dass es auch kein Drama wäre, wenn wir vorzeitig ausscheiden müssten.

Klar war allerdings auch: In diesem Fall würde wohl keiner von uns allein weiterlaufen.

Nach dem 40-Kilometer-Verpflegungspunkt wurde bereits darauf hingewiesen, dass eine lange Etappe von rund 28 Kilometern vor uns lag. Wir sollten uns entsprechend mit Wasser, Nahrungsmitteln und allem eindecken, was man unterwegs gebrauchen könnte.

28 Kilometer bis zur nächsten Verpflegungsstation!

Uns war klar: Das würde ein langer Schuh werden. Es würde sich ziehen, und ziehen, und ziehen …

Und genau so kam es auch.

Durch den Taunus – Kilometer, die sich endlos ziehen

Vor Königstein fand ein Landwirt es offenbar besonders lustig, eine Wiese, über die unser Weg führte, großzügig mit dickem Kuhmist zu düngen.

Aber was soll’s! Wir Wanderburschen sind schließlich Naturburschen. Da konnte uns ein wenig Landluft die Stimmung auch nicht vermiesen.

Nach etwa 50 Kilometern wartete dann der Großteil der insgesamt mehr als 1.000 Höhenmeter auf uns. Über Königstein führte die Strecke hinauf zur Burgruine Falkenstein.

Über das Klinikgelände Falkenstein ging es anschließend in die Wälder des Taunus. Von nun an verlief die Strecke nahezu durchgehend durch die Wälder oberhalb von Oberursel und Bad Homburg.

Mit Oberstedten und Dornholzhausen bekamen wir wieder etwas Zivilisation zu Gesicht. Doch der ersehnte Verpflegungspunkt ließ weiterhin auf sich warten.

Mittlerweile war meine Uhr ausgefallen. Ich konnte also nicht einmal mehr selbst kontrollieren, wie weit wir schon gekommen waren. Alessandro blieb jedoch geduldig und beantwortete auch nach gerade einmal 500 Metern erneut meine Frage, wie weit es denn nun noch sei.

Gefühlt waren wir schon eine Ewigkeit an Bad Homburg vorbei, und trotzdem ließ der Verpflegungspunkt weiter auf sich warten.

Erst als wir Seulberg erreichten, rückte die ersehnte Pause endlich in greifbare Nähe.

Kilometer 68 – der Kampf mit dem eigenen Körper

Kaum betraten wir den Verpflegungspunkt, kamen uns schon bekannte Gesichter entgegen.

Thomas versprach mir, dass er mich ewig hassen würde, weil ich ihn zu dieser Aktion angespornt hatte. Andere waren noch recht optimistisch, die 100 Kilometer zu schaffen, während bei Luca bereits der Ausstieg wegen Blasen an den Füßen angekündigt wurde.

Wir zogen vom Getränkestand zu den sauren Gurken und belegten Broten, schoben noch etwas Süßkram hinterher und ließen uns schließlich mit einem Becher Linsensuppe unter einem großen Schirm nieder.

Doch dann passierte es: Mir wurde schlecht. Richtig schlecht!

Am liebsten wäre ich hinter die nächste Hütte verschwunden, um mich zu erleichtern. Doch ich wusste genau: Wenn es so weit kommen würde, wäre das wahrscheinlich mein sicheres Aus.

Mein Magen rebellierte, und plötzlich war von der bisherigen Zuversicht nicht mehr viel übrig. Während ich versuchte, die Übelkeit in den Griff zu bekommen, machte auch Alessandro keinen besonders motivierten Eindruck mehr. Er sagte zwar nicht ausdrücklich, dass er aussteigen wollte, aber sein Gesicht sprach Bände.

Ich musste mich erst einmal aus meinen durchgeschwitzten Oberteilen schälen und zog mich trocken und wärmer wieder an.

Da die Temperaturen noch recht angenehm waren, waren wir nicht völlig durchgefroren. Trotzdem merkten wir schnell: Je länger wir sitzen bleiben würden, desto schwerer würde es werden, wieder aufzustehen und weiterzulaufen.

Und genau das war der Moment, in dem die Gedanken anfingen, gefährlich zu werden.

Wahrscheinlich hoffte jeder von uns insgeheim auf die erlösenden Worte des anderen:

„Ach komm, wir lassen es. 68 Kilometer reichen doch auch!“

Was für eine verlockende Vorstellung! Schließlich hatten wir bereits eine gewaltige Strecke hinter uns gebracht. Wer konnte uns schon vorwerfen, nach fast 70 Kilometern aufzugeben?

Doch wir wussten auch, dass wir uns damit von unserem eigentlichen Ziel verabschieden würden.

Dann kam der entscheidende Gedanke: Bis zum nächsten Verpflegungspunkt waren es nur noch zwölf Kilometer.

„Alessandro, zwölf Kilometer!“

Und so machten wir uns erneut auf den Weg – mit dem Ziel, zumindest die 80 Kilometer zu schaffen.

Richtung Dortelweil – weiter, obwohl man eigentlich nicht mehr kann

Die Strecke führte uns durch Ober-Erlenbach, vorbei an Nieder-Erlenbach und weiter in Richtung Dortelweil. Wir befanden uns zwar auf bekanntem Gebiet, und ich konnte Alessandro erzählen, wo ich überall schon mit dem Fahrrad unterwegs gewesen war.

Doch Fakt war: Wir liefen an Bad Vilbel vorbei in Richtung Friedberg.

Zumindest fühlte es sich so an.

Das strapazierte meine Nerven zunehmend. Ich wollte endlich ein Ziel vor Augen haben. Unser Ziel hieß Frankfurt – und nicht eine Strecke, die uns gefühlt immer weiter davon wegführte!

In Dortelweil erreichten wir schließlich den nächsten Verpflegungspunkt. Es war der erste, der sich in einer Sporthalle befand. Alle vorherigen Stationen waren unter freiem Himmel eingerichtet gewesen.

Ein Punkt, den ich beim Veranstalter durchaus bemängeln muss: Zumindest sollten die Pausen in etwas geheizten Zelten stattfinden können, anstatt dass man innerhalb kurzer Zeit auskühlt.

Hier allerdings war es relativ warm.

Wir aßen nur Kleinigkeiten, füllten unsere Trinkblasen auf und machten uns ohne viele Worte wieder auf den Weg.

„Es sind doch nur noch fünf bis sechs Stunden, dann haben wir’s!“

Ich glaube, keiner von uns wollte noch aussprechen, dass er eigentlich genug hatte. Aber jetzt noch aussteigen? Nach all den Kilometern, den Höhenmetern und den Strapazen?

Ach egal!

Fast wortlos machten wir uns mit einem gemeinsamen Ziel wieder auf die Strecke.

Bauch, Beine, Po – das Zusatzprogramm am Heilsberg

Von Bad Vilbel bekamen wir nicht besonders viel zu sehen. Und trotz Julias Ankündigung, dass die Strecke nun flach nach Frankfurt führen würde, ging es zunächst über den Heilsberg.

Dort waren bereits einige Stufen zu überwinden. Doch mitten im Ort warteten noch einmal einige Treppenstufen aufwärts auf uns.

Als hätten unsere Beine nicht schon genug geleistet!

Ich scherzte noch mit anderen Teilnehmern: „Seht ihr, was wir hier alles geboten bekommen? Bauch, Beine, Po ist gleich mit im Programm!“

Ein bisschen Humor musste schließlich sein.

Über den Frankfurter Berg kamen noch einige wenige Höhenmeter hinzu. Danach verlief die Strecke in Richtung Eschersheim überwiegend bergab.

Doch so langsam wurde klar: Die letzten Kilometer würden uns mental noch einmal alles abverlangen.

Die Nidda – und der Kampf beginnt von Neuem

Ab jetzt führte die Strecke Kilometer für Kilometer an der Nidda entlang.

Es war bereits seit dem letzten Verpflegungspunkt wieder hell geworden. Der Himmel war blau, und die Temperaturen stiegen allmählich wieder an.

Eigentlich ein wunderschöner Morgen.

Doch die Kilometer entlang der Nidda zogen sich ins Endlose.

Ich versuchte, mir die Strecke ins Gedächtnis zu rufen, die ich erst vor nicht allzu langer Zeit mit dem Fahrrad gefahren war. Aber nach dieser langen Nacht bekam ich einfach keine Vorstellung mehr davon, wie lange es noch dauern könnte.

Die Müdigkeit saß tief. Die Beine waren schwer, und der Kopf wollte endlich ankommen.

Dann kam die Information:

Nur noch vier Kilometer!

Okay, dachte ich. Noch eine weitere Stunde – vorausgesetzt, wir würden nicht langsamer werden!

Und plötzlich war alles da.

Die Freude, weil wir es tatsächlich fast geschafft hatten. Der Mut, weil das Ziel endlich greifbar schien. Die Wut über die endlose Strecke, die sich einfach nicht verkürzen wollte. Der Schmerz, der mit jedem weiteren Schritt deutlicher wurde. Und schließlich die Verzweiflung, die sich nach all den Stunden ihren Weg bahnte.

Tränen schossen mir in die Augen.

Jetzt bloß keine Schwäche zeigen!

Schnell mussten ein paar dumme Sprüche her, um die Gefühle zu überspielen und mich wieder zusammenzureißen.

Und dann begann alles von vorn.

Freude. Mut. Wut. Schmerz. Verzweiflung.

Ein unglaubliches Auf und Ab der Emotionen. Mentale Höhen und Tiefen, die sich in kürzester Zeit abwechselten.

Es war Wahnsinn, was in diesem Moment in mir vorging. Ich wollte lachen, fluchen, weinen und einfach nur noch ankommen. Alles gleichzeitig.

Doch bei all diesen Gefühlen blieb eines unverändert: Das Ziel war vor Augen.

100 KILOMETER!

Die letzten 1.000 Meter – jetzt gibt es kein Zurück mehr

Dann endlich das erste Schild!

Nur noch 1.000 Meter!

Ab jetzt ging es mit jedem Schild weitere hundert Meter abwärts. 900 Meter. 800 Meter. 700 Meter …

Jedes einzelne Schild brachte uns dem Ziel ein Stück näher.

Die Beine, der Kopf, der ganze Körper – alles schien inzwischen auf der letzten Reserve zu laufen. Schaffen wir es? Oder schaffen wir es nicht?

Nur noch wenige hundert Meter!

Jetzt gab es kein Zurück mehr.

Wir hatten uns durch die Wälder des Taunus gekämpft, die langen Etappen überstanden, mit der Erschöpfung gerungen und selbst dann weitergemacht, als der Gedanke ans Aufgeben verlockend nahe lag.

Wir hatten gezweifelt, geflucht, gelacht und uns gegenseitig Mut gemacht. Wir hatten Momente erlebt, in denen wir uns stark fühlten, und andere, in denen wir am liebsten alles hingeworfen hätten.

Und nun waren es nur noch wenige Schritte.

100 Kilometer purer Wahnsinn!

Von uns 15 Bediensteten haben es tatsächlich 11 nach 100 Kilometern ins Ziel geschafft!

An dieser Stelle gratuliere ich jedem Einzelnen, der sich dieser Herausforderung gestellt und sich auf die Strecke gewagt hat. Respekt an alle, die diesen Wahnsinn mitgemacht und sich der Herausforderung gestellt haben!

Und was ist das Beste daran? Die Justiz hatte eine deutlich geringere Ausfallquote als das Gesamtevent! Während dort rund 50 % vorzeitig ausgeschieden sind, haben wir als Team gezeigt, was Durchhaltevermögen, Willenskraft und Zusammenhalt bedeuten.

15 gestartet, 11 im Ziel – darauf können wir verdammt stolz sein! 

Strecke

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