Fahrt nach Straßburg (Strasbourg) im Elsass

Vor einiger Zeit war ich beruflich in Straßburg. Da die Zeit vor Ort begrenzt war, nahm ich mir vor, die schöne Altstadt irgendwann noch einmal in Ruhe zu besuchen. Immer wieder schaute ich nach einer geeigneten Strecke, die sich mit dem Fahrrad bewältigen ließ. Bei rund 290 Kilometern Entfernung war mir allerdings schnell klar: Das wird kein gewöhnlicher Tagesausflug.

Im Frühjahr sammelte ich bereits einige Trainingskilometer. Beim Stadtradeln in Laubach kamen innerhalb von zweieinhalb Wochen weitere 700 Kilometer hinzu. Außerdem hatte ich bereits Fahrten nach Mainz und zurück absolviert. Körperlich fühlte ich mich daher bereit für die Herausforderung.

Das größere Problem war mein Terminkalender. Freie Tage waren selten. Ausgerechnet am Pfingstsamstag, eigentlich meinem Dienstwochenende, hatte ich aufgrund verschiedener Umstände frei. Gleichzeitig war es die letzte Gelegenheit, die Kilometer noch für das Stadtradeln zählen zu lassen. Der Entschluss fiel kurzfristig, aber der Plan stand.

Es gab allerdings einen Haken: Am selben Tag musste ich auch wieder nach Hause zurückkehren.

Geplant war der Start um drei Uhr morgens. Das Bett war jedoch stärker als die Motivation, sodass ich erst gegen halb vier loskam.

Entgegen meiner ursprünglichen Planung fuhr ich über Hungen nach Friedberg. Um diese Uhrzeit hatte ich kaum Verkehr erwartet, war jedoch überrascht, wie viel bereits auf den Straßen unterwegs war. Während die ersten Fahrzeuge an mir vorbeizogen, färbte die Morgenröte langsam den Horizont und kündigte einen sonnigen Tag an.

Der Bäcker in Dorheim hatte erwartungsgemäß noch geschlossen. Also verschob ich die erste Pause nach hinten. Noch fühlte ich mich gut, und für den Notfall hatte ich einige Riegel dabei.

Von Friedberg aus ging es über meinen wohlbekannten Arbeitsweg weiter. Ich nenne ihn gerne den „Höhenweg“, da er ständig zwischen Erlenbach und Niddatal auf und ab über die Hügel führt.

Als ich Harheim erreichte, war es bereits hell. An der Konstablerwache hoffte ich auf einen frühen Kaffee. Die Marktstände wurden zwar schon aufgebaut, doch der Kaffeewagen hatte noch geschlossen. Also musste Backwerk aushelfen. Mit einem Cappuccino in der Hand beobachtete ich das morgendliche Treiben auf dem Platz, bevor ich weiterfuhr.

An der Mainbrücke stand die Sonne bereits deutlich höher. Die kommende Hitze war schon zu erahnen, auch wenn der Morgenwind noch angenehm kühl war.

Im Frankfurter Stadtwald begann mein erster kleiner Kampf – diesmal nicht mit den Beinen, sondern mit der Streckenführung. Komoot schickte mich gefühlt im Zickzack durch den Wald. Mit jedem Richtungswechsel hatte ich das Gefühl, eigentlich in die falsche Richtung zu fahren. Natürlich war der Umweg am Ende gering, trotzdem nahm ich mir vor, die Strecke beim nächsten Mal genauer zu prüfen.

Ab Langen verlief die Route wieder deutlich geradliniger. Körperlich fühlte ich mich hervorragend. Trotzdem ertappte ich mich immer wieder dabei, auf die Uhr zu schauen, den Durchschnitt zu kontrollieren und die Ankunftszeit zu berechnen. Eigentlich lag ich sogar vor meinem Zeitplan, doch im Kopf erzeugte ich unnötigen Druck. Aus Erfahrung wusste ich, dass solche Distanzen nicht mit Kraft, sondern mit Geduld gefahren werden.

In Gernsheim zeigte sich der Rhein erstmals kurz zwischen den Bäumen. Viel mehr als einen flüchtigen Blick erlaubte die Streckenführung jedoch nicht.

Bei Sandhofen wechselte ich die Rheinseite. Die dortige Theodor-Heuss-Brücke ist ein bemerkenswertes Bauwerk. Besonders ungewöhnlich ist der Gehweg auf dem Mittelstreifen der Brücke, der über Treppenaufgänge in den Trennpfeilern erreichbar ist. Gleichzeitig verbindet sie Rheinland-Pfalz mit Baden-Württemberg.

Hinter Schifferstadt wurde es plötzlich spannend. Komoot führte mich an einen Vogelpark, wo der Weg unvermittelt endete. Eine Bahnstrecke versperrte den weiteren Verlauf, eine Querungsmöglichkeit war nicht zu erkennen. Nach kurzer Orientierung entschied ich mich, grob Richtung Speyer weiterzufahren. Dort fand ich schließlich eine Möglichkeit, die Gleise zu überqueren, und konnte bei Dudenhofen wieder auf meine ursprüngliche Route zurückkehren.

Mittlerweile brannte die Sonne erbarmungslos vom Himmel. Im Rheintal gab es kaum Schatten. Während die Temperatur weiter anstieg, wünschte ich mir nichts sehnlicher als einige Kilometer durch einen kühlen Wald.

Als die 200-Kilometer-Marke fiel, fühlte ich mich überraschend frisch. Beine und Kondition arbeiteten zuverlässig zusammen. Statt ans Aufgeben zu denken, fragte ich mich bereits, welches verrückte Projekt wohl als Nächstes folgen könnte.

Kurz vor Wörth am Rhein entdeckte ich die Gastwirtschaft eines Vogelzucht- und Waldvogelliebhabervereins. Die Gelegenheit kam genau richtig. Meine Flaschen waren fast leer, und eine Pause im Schatten war mittlerweile Gold wert.

Über Hagenbach und Neuburg am Rhein führte die Strecke an Seen und Industriegebieten vorbei. Die Landstraßen waren ruhig, und die Autofahrer verhielten sich durchweg rücksichtsvoll. Genügend Abstand beim Überholen – so wünscht man sich das als Radfahrer.

Irgendwann passierte ich beinahe unbemerkt die französische Grenze. Nun war ich nicht mehr am Rhein, sondern am „Le Rhin“.

Bonjour la France – merci beaucoup de me permettre d’utiliser vos chemins !

Mit jedem Kilometer rückte Straßburg näher. Gleichzeitig leerten sich meine Trinkflaschen bedenklich schnell. Ein französischer Aldi wurde deshalb zur letzten Rettungsstation. Im Schatten füllte ich Wasser nach, stillte den Durst und nahm noch einmal ausreichend Energie zu mir.

Anschließend führte mich die Strecke über kleine Landstraßen durch elsässische Dörfer. Fachwerkhäuser wechselten sich mit moderner Architektur ab. Nach den vielen Kilometern am Rheinufer war diese Abwechslung eine Wohltat für Augen und Kopf.

Durch ein längeres Waldstück näherte ich mich schließlich Straßburg. Entlang des Weges stieß ich auf zahlreiche Relikte aus der dunkelsten Zeit deutscher Geschichte. Kleine Bunker und Schützenstellungen erinnerten daran, welche Schrecken sich hier einst abgespielt haben müssen.

Gerade deshalb wirkt es heute umso bedrückender, dass Krieg in Europa wieder näher gerückt ist und Frieden keineswegs selbstverständlich bleibt.

Nach 298 Kilometern erreichte ich schließlich mein Ziel. Die reine Fahrzeit betrug 12 Stunden und 46 Minuten. Vor dem Straßburger Münster stand ich inmitten der Altstadt und konnte kaum glauben, dass der Plan tatsächlich aufgegangen war.

Eine gewaltige Tour, an einem der heißesten Tage des Mai 2026.

Und das Beste daran: Die Schulklasse meiner Tochter war durch diese zusätzlichen Kilometer beim Stadtradeln praktisch nicht mehr einzuholen. Der Vorsprung auf die anderen Klassen wurde so groß, dass am Ende niemand mehr herankam.

Es kamen noch einmal rund sieben Kilometer dazu: Von Kehl am Rhein aus trat ich schließlich die Rückfahrt mit der Bahn an.“

Manchmal entstehen die verrücktesten Geschichten einfach dadurch, dass man morgens aufs Fahrrad steigt und losfährt…

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